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News aus Kärnten

31.08.2009

Über sprachliche und nationale Grenzen hinweg. Zwei Sommer-Seminare mit Nada Ignatovič-Savič in Kärnten. „Smile Keepers“ und „Healing Relationsships“ im August 2009.

 

 

von Laura Ippen


Wir sitzen im Kreis, 26 TeilnehmerInnen, 20 Frauen und 6 Männer, plus Nada, die Seminarleiterin aus Belgrad und Pia, die für uns übersetzt. Nada spricht Englisch. Es ist der erste von fünf Workshop-Tagen unter dem Titel „Smile Keepers – Bewahrer des Lächelns“. Das Programm ist, laut Ausschreibung, an Lehrende gerichtet, „die sich persönlich und beruflich weiter entwickeln und die Berechtigung erlangen wollen, das Programm von Smile Keepers durchzuführen“. Seminarort ist das Bildungshaus Stift St. Georgen am Längsee im schönen Kärntner Land und – wie der Name schon sagt – durch die unmittelbare Seenähe ideal geeignet für ein Sommerseminar mit langen Mittags- sprich: Badepausen.

Nada lädt uns ein, die Augen zu schließen und uns daran zu erinnern, mit welchen Erwartungen wir hergekommen sind: Erwartungen an uns selbst, an die anderen, an Nada, an den Workshop insgesamt. „Und jetzt formt mit den Händen in der Luft einen Ball aus all den Wünschen und Vorstellungen und spielt damit! Packt alles hinein und fühlt, wie die Kugel zwischen euren Händen wächst!“ Bei manchen hat sie Fußballgröße, andere müssen schon die Arme ausstrecken um sie zu umfassen. Mitten hinein in unsere Träume und die imaginäre Bastelei kommt plötzlich von Nada die Aufforderung: „Und jetzt schmeißt den Ball einfach hinter euch!“

Damit hatte ich nicht gerechnet. Ganz deutlich fühle ich eine Mischung aus Überraschung und Enttäuschung. Ich soll meine schöne Kugel schon wieder wegschmeißen? Ja, natürlich! Schließlich geht es darum, die fixen Erwartungen loszulassen. Und damit sind wir auch schon mitten im Programm und lernen „expectations“ von „expectancy“ zu unterscheiden – was im Englischen wieder einmal viel einfacher ist, als im Deutschen. Wir behelfen uns mit „Erwartung“ versus „Erwartungshaltung“. Denn ein Leben im Giraffenbewusstsein bedeutet, aus einer erwartungsvollen Haltung heraus zu leben, also offen zu sein, für das, was da ist, und nicht konkreten Erwartungen nachzuhängen.

Dass Nada mit dieser Übung beginnt, hat seinen Grund: Wir erfahren, dass wir einfach zu viele sind in dieser Runde, um das Smile-Keepers-Programm so durchführen zu können, wie geplant, d. h. Seminarinhalt und Ablauf werden nun etwas anders aussehen, als viele von uns – inkl. Nada ! – das erwartet haben. Und so können wir gleich den nächsten Erwartungsballon davonfliegen lassen ...

Das finden einige von uns schon nicht mehr so lustig, wie beim ersten Mal. Obwohl keiner von uns wirklich wusste, wie das Programm aussehen würde, waren schon fixe Erwartungen geweckt worden, die uns nun daran hinderten, offen zu sein für das, was wir statt dessen erleben würden. Nada verspricht uns, dass wir alles, was wir brauchen, um später anhand der Praxisbücher selbst mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten, in diesem Workshop von ihr bekommen werden.

Und so war es auch.

Da die meisten der TeilnehmerInnen zwar Basiswissen, aber noch wenig Erfahrung in „Gewaltfreier Kommunikation“ (GfK) hatten, und da die Haltung der GfK dieselbe ist, die auch dem Smile-Keepers-Programm zu Grunde liegt, waren die fünf Tage randvoll mit intensivem Training einer lebensdienlichen Kommunikation und empathischen Grundhaltung (nicht zuletzt sich selbst gegenüber) anhand eigener Beispiel-Situationen, angereichert mit serbischen und bosnischen Kreistänzen und aufgelockert durch kreatives Tun à la Smile Keepers: Malen, Spielen, Körperwahrnehmung u.ä. Wer noch nicht so geübt war im Umgang mit Wölfen und Giraffen, hat bei Nada sehr tiefgehend erfahren dürfen, was GfK bedeuten kann. Und wer sich für „GfK-fortgeschritten“ hielt, kam in den Genuss, vermeintlich Bekanntes wieder neu zu erleben – dank Nadas eigener Art und Weise, so fließend aus dem Herzen zu sprechen, dass in ihrer Nähe kein Zweifel mehr daran bestehen bleibt, dass diese Art der Kommunikation tatsächlich die einfachste, weil natürlichste Sache der Welt ist.

 

 

SMILE KEEPERS ist nicht nur der Name eines Programms, sondern war zuerst der Name einer in Serbien tätigen NGO und damit zugleich Namensgeber für das Center of Nonviolent Communication in Belgrad. Die „BEWAHRER DES LÄCHELNS“, eine Gruppe von engagierten PsychologInnen und PädagogInnen, hat sich Anfang der 90er Jahre, in Reaktion auf den Ausbruch des Krieges im ehemaligen Jugoslawien, zusammengeschlossen um etwas gegen die Not und Verzweiflung in ihrem Land zu tun. Seither haben sie in zahlreichen Projekten zur Heilung der Wunden des Krieges vor allem mit Kindern gearbeitet und Programme zur Friedenserziehung für Erwachsene und Kinder durchgeführt, und das auch in den vom Krieg betroffenen Nachbarländern.

Nada Ignjatovič-Savič ist Mitbegründerin und Leiterin der SMILE KEEPERS und Autorin mehrerer Lehrpläne für Friedenserziehung und gewaltfreie Kommunikationskultur in Schulen. Die Smile-Keepers-Programme sind in drei Stufen für verschiedene Altersgruppen eingeteilt und bestehen jeweils aus einer Folge von ca. 30 aufeinander aufbauenden Workshops (à 1 Std.) zu verschiedenen Themen, die letztlich alle auf die Stärkung des Selbstwertgefühls und des sozialen Bewusstseins zielen – nach den bewährten Vorschlägen der GfK (obwohl Nada diese „Sprache“ schon entwickelt hat, bevor sie auf Marshall Rosenberg getroffen ist, mit dem sie dann in weiterer Folge intensiv zusammen gearbeitet hat.) Ihre Botschaft auch und gerade in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen: „Empathie, Empathie, Empathie“.

Dass die Einführung einer „anderen“ Kommunikationskultur in Schulen – anders als wir sie bisher gewohnt sind – funktionieren kann, wenn sie von SchülerInnen, Eltern, Lehrerschaft und Schulleitung getragen wird, hat die Autorin zahlreicher wissenschaftlicher Studien zum Thema nachhaltig unter Beweis gestellt: zuerst in ihrem Heimatland, wo ihr Modell vom serbischen Unterrichtsministerium als verbindliches Programm landesweit ins Schulsystem übernommen wurde (!), inzwischen auch im inner- und außereuropäischen Ausland. Um auch Österreich zu ermutigen, eine gewaltfreie Schulkultur einmal anzudenken, war Nada auf Einladung von GfK-Trainerin Gabriele Gössnitzer und der Stelle für Schulmediation im November 2008 zum ersten Mal in Kärnten. Unter dem Titel „Jenseits von Gegensätzen im Bildungswesen“ hielt sie einen Vortrag und einen zweitägigen Workshop, der die Anwesenden so berührte, dass sie auf Fortsetzung drängten. Gottlob musste Nada gar nicht „gedrängt“ werden, sondern freute sich über die Einladung und konnte uns für den heurigen Sommer die beiden Workshops anbieten. Und noch immer ist kein Ende unserer Begeisterung in Sicht, weshalb  die Fortsetzung der Fortsetzung für den Sommer 2010 auch schon in Planung ist.

Als bundesdeutsche Wahlösterreicherin, die in Brasilien durch die Bekanntschaft mit einer türkisch-schweizerischen Trainerin zufällig auf die GfK gestoßen ist, weiß ich die multikulturelle Durchmischung der NVC-Community besonders zu schätzen. Wie die meisten von uns habe auch ich meine hoffentlich nie endende Ausbildung bei ganz unterschiedlichen Menschen verschiedener Nationalitäten erhalten und damit immer wieder neue Einsichten auf Grund der unterschiedlichen Perspektiven gewonnen.

Dass Nada aus Serbien nicht einmal das harte Kärntner Pflaster scheut, um uns an ihren Erfahrungen teilhaben zu lassen, empfinde ich als großes Glück.

 

 

 

 

 

 

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